UBS Seifhennersdorf

 

Unabhängige Bürgerinitiative Seifhennersdorf

(Aus Seifhennersdorfer Mitteilungen 26.10.2018)

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

liebe Leserinnen und Leser der Seifhennersdorfer Mitteilungen,

Landlust – Landidee – LandLeben – LandGenuss - LandLiebe – Liebes Land – Land erleben und genießen – Landspiegel – Mein schönes Land – Hörzu Heimat .......... unendlich viele, vor Idyll strotzende, bunte Papierberge verbiegen geradezu die Zeitschriftenregale  und schwärmen vom romantisch verklärten Landleben.

Welcher Verlag lässt es sich noch nehmen, der Menschheit im faszinierenden Design, mit Herz öffnenden Bildern alle Vorzüge, die Schönheit und das gesunde Wohlfühlgefühl des Lebens auf dem Lande „in die Hand zu geben“ ?

Das Geschäft boomt,  für 3.50 Euro aufwärts kann man sich von einem Paradies in das nächste blättern. Spätestens nach der Lektüre der dritten Zeitschrift fragt sich der Leser, warum nicht längst alle Menschen auf dem Land, mitten in der Freudenoase leben, wo die Glückseligkeit zu Hause ist.

Nun weiß ich nicht genau, ob Politik & Medien zu Stammleser der Landverherrlichung geworden sind, oder doch endlich bemerkt wurde, dass nach permanenter Ignoranz und Vernachlässigung des ländlichen Raumes, dort nicht nur der Traum von einem schönen Landleben  bröckelt, sondern Zukunftsangst dominiert und das  ganze gesellschaftliche Leben zunehmend in Schieflage gerät.          

Plötzlich, wie aus der Versenkung wird der  „Ländliche Raum“  nun in die Mitte gerückt. Funk und Fernsehen schickt Reporter und Kameras auf´s Land, Politiker wählen Dörfer für Ortstermine aus und lassen sich auf Feld und Weide fotografieren. Ochs, Gans und Rindvieh dürfen mit ins Bild. Mit den scheuen Wölfen gibt es bekanntlich noch Probleme (beim Fototermin und überhaupt) aber sonst ist alles „auf einem guten (Feld-)Weg.

Wer wirklich glaubt, damit quasi über Nacht den Ärger begraben zu können, der sich über Jahre wegen  geschlossenen Geschäften, Schulen, Arztpraxen, Kindergärten, Gaststätten,

dem abgerissenen Kretscham, Kinos, Fabriken, Häusern  

still – oder brach liegenden Bahnverbindungen, kaputten Straßen, fehlenden Buslinien

fehlende Menschen, Wirtschaftsvertriebenen oder perspektivlos das Landflüchtigen

aufgebaut und angestaut hat, irrt gewaltig.

 Da ist (zu)viel kaputt gegangen, nicht nur materiell auch mental. „Wir bauen auf und reißen nieder“ bleibt immer in Mode – egal ob es Stein auf Stein  oder  Vertrauen und Zuversicht  anbelangt.

Bitte nicht falsch verstehen, ich bin erfreut, jeder Blick, jeder Schritt und jede gute Entscheidung in Richtung Landleben, Dorf mit Kirchturm und Gemeinschaft ist richtig, wichtig und vorbehaltlos zu begrüßen. Nicht die Spaltung zwischen Stadt und Land steht im Grundgesetz, und schon gar nicht die permanente Ausdünnung und Abwicklung ländlicher Räume,  sondern die Schaffung und Erhaltung „angemessen, gleichwertiger Lebensverhältnisse – PUNKT. Dort wo die Lebensverhältnisse arg zu wünschen übrig lassen, beschwerlich, unattraktiv und öde sind, dünnt sich die menschliche Besiedlung von alleine aus. Vor allem deshalb sind Bürgermeister(innen) und Stadträte, als von den Bürgern gewählte Meister und Vertreter, beauftragt und ermächtigt das Ganze zusammen und am Leben zu erhalten. Es ist unsere Aufgabe das geerbte Gut für die nächste Generation zu bewahren, zu mehren und intakt an die Jungen weiter zu geben. Wir müssen Seifhennersdorf behüten, putzen, fit machen und so lebenswert entwickeln, dass sich Menschen keine schönere Heimat vorstellen können. Wenn sich plötzlich Abgeordnete, Staatssekretäre, Minister oder gar der Bundespräsident auf den Weg machen, um raus zu finden, warum auf dem Lande zu oft statt Landlust Landfrust herrscht (und die Menschen Protest wählen), brechen hoffentlich bald bessere Zeiten für die heimatverbundene Landbevölkerung an. Wir müssen deutlich aufzeigen, wo der Hase im Pfeffer liegt und nicht nur er sondern auch Bienen, Rebhühner und viele andere Tiere aus dem natürlichen Kreislauf verschwinden. Und wir müssen die Rechte und Chancen für den ländlichen Raum einfordern, die Entscheidungsträger zur Gleichbehandlung drängen und unser Potential geschickt nutzen.  

Die Hochglanzzeitschriften haben ja gar nicht so unrecht – wir, die notorischen Landeier leben ja eigentlich ganz bewusst bevorzugt und verfügen über unermesslichen Reichtum. Eine wunderschöne Landschaft, viel Platz, Wald, Wasser, Wiesen, Berge und Hügel, überall Grün und Blumen, gesunde Luft, Ruhe und  Frieden (wenn man keine garstigen Nachbarn hat), wir haben Ackerbau und Viehzucht könn(t)en uns autark gesund ernähren, jeder der es möchte kann sich ein Häuschen mit oder ohne Garten leisten, Kultur, Freude, Gemeinschaft , Geselligkeit ausleben u.v.m.      

Warum und woher kommen also soviel ländlicher Unmut und Verdruss, Klagen und Verzagtheit ?

Das Gefühl vergessen, abgehängt, benachteiligt, von Paragrafen und Verordnungen drangsaliert, im Ehrenamt ausgenutzt, vom Fiskus „zur Kasse“ gebeten, vom Chef „zur Brust“ genommen, von Mitmenschen nicht verstanden oder wahrgenommen zu werden – ist all das nur Einbildung, um sich erfolgreich den Tag verderben zu können?        

Nicht nur die Landbevölkerung beklagt sich, auch anderswo scheinen „Normalität und der gesunder Menschenverstand“ abhanden gekommen zu sein.    

In Bayern fallen Mond, Sterne und Sonne gleichzeitig vom Himmel, weil das Horrorszenario „eine zweite Partei könnte mitregieren“ eingetreten ist – die sächsische Regierung muss diese leidvolle Erfahrung ja schon seit 2004 aushalten und analysiert genau, wie es nach Jahrzehntelanger Alleinherrschaft wechselnder Parteien dazu kommen konnte. „Wir gehen in Klausur“ heißt  der beliebte Arbeitskreis (wenn der Geist nicht weiter weiß). 

Muss man verstehen , dass die Katholische Kirche Straftaten, wie Kindesmissbrauch ungehindert intern auswerten darf, nachdem sie jahrelang gemeinschaftlich und erfolgreich vertuscht worden sind? Alle anderen Bürger des Landes müssen sich dafür vor Gericht verantworten und werden je nach Schwere der Schuld juristisch und gesellschaftlich verurteilt.       

Egal ob Skandale um Großbaustellen, Banken, in Konzernetagen, Steuerhinterziehung, vergiftete Medikamente, Lebensmittel, Umweltfrevel, Lug und Trug zugenommen haben oder modern medial heute nur schneller und breiter unter die Leute gebracht werden, all das stört unser menschliches (Zusammen-) Leben und verbreitet negative Stimmung.

Die Mehrzahl der Menschen wünscht sich vom „Gesetzgeber“ klare und verständliche Regelungen, die Beamte und Verwaltungen verstehen und möglichst fehlerfrei anwenden.  Sie erwarten dass der Staat seine Bürger, deren Leben und Ehre sowie Hab und Gut schützt und die

Daseinsvorsorge zum Wohle der Menschen organisiert. Alles muss sich am Gemeinwohl orientieren und in dem Sinne ist auch Bildung und Erziehung auszurichten. Die Väter des Grundgesetzes haben aus leidvoller Erfahrung all das niedergeschrieben und zum obersten Gesetz erhoben, was Freiheit und Demokratie garantiert, Menschen nicht in Verzweiflung, Abhängigkeiten, die Arme von Spekulanten, Seelenverkäufern und Rattenfängern treibt. Das alles muss nur beachtet und eingehalten werden, in jeder Stadt, in jedem Dorf, im ganzen Land.   

Wenn ein Ort wie Seifhennersdorf um Schule, Freibad, Bibliothek, Museum, Kinder-, Jugend-, Senioren- und Freizeiteinrichtungen, alles Schöne kämpfen und betteln muss – stimmt etwas nicht im Getriebe.     

Die hochgezüchtete Bürokratie, nicht mehr bezahlbare Lobbystandartforderungen und die unsägliche, Geld und Zeit verschlingende Fördermittelpraxis sind Gift für unser Gemeinwesen. Wer sein Leben als „Projekt“ versteht und organisieren will, der soll das privat tun – eine Kommune braucht feste, verlässliche Grundlagen, Arbeits- und Entwicklungsstrukturen und kann nicht ständig von Projekt zu Projekt oder Event zu Event springen. Die moderne Effekt- und Geldhascherei ist besonders für kleine Gemeinden und ländliche Regionen kontraproduktiv und unzumutbar.

Es muss doch möglich sein, für Städte und Gemeinden, je nach Größe und Aufgaben eine klare, gesetzliche finanzielle Mindestausstattung zu definieren und zu garantieren. Nur so ist es doch möglich, dass die Menschen unmittelbar dort wo sie leben, die Geschicke der eigenen Gemeinde  lenken, leiten und gestalten können. Wahre Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gedeiht am besten, wenn Gemeinden weitestgehend eigenverantwortlich handeln können und für die  Erfüllung aller Aufgaben eine angemessene Finanzausstattung zur Verfügung steht. Die gewählten Stadt.und Gemeinderäte samt Bürgermeistern sind sehr wohl in der Lage vor Ort selber festzulegen welche Investitionen und Maßnahmen für ihre Orte wichtig sind und diese nach Priorität und Erfordernis umzusetzen. Das befördert auch das Interesse an Ortspolitik und die Bereitschaft sich einzubringen. Wer ehrenamtliche Arbeit unterstützen will, muss sie wertschätzen, deren Sinnhaftigkeit erkennen lassen und die Durchführbarkeit garantieren.

Alle gesellschaftlichen Verwerfungen, die derzeit ach so sehr beklagt werden, haben Ursachen. Nach denen sollte spätestens dann ernsthaft gefragt werden, wenn sie sich deutlich zeigen. Wir müssen uns nicht über Verrohung, Egoismus, Werteverfall, Extremismus, sorglose Trägheit oder Orientierungslosigkeit wundern, wenn Bildung, Erziehung, Kultur, sogar präventive Kinder – und Jugendarbeit zusammen gespart wird.

Erst wenn unüberhörbar rechte Gesänge, extremistische Horden oder spirituelle Sekten ganze Städte und Dörfer in Verruf bringen, Häuser angezündet werden oder andere Skandalträchtige Highlights statt finden, öffnet sich der Zugang zu finanziellen Mitteln für Demokratieprojekte, Mahnwachen oder Friedensfeste. Dann wird für das Gute getanzt, geleuchtet, gesungen, getrommelt, gelaufen, gesprungen, gekocht und sogar gebügelt. Ich kann und will nicht verstehen, dass es auch 2018 noch nicht möglich ist, jeder Gemeinde pauschal  eine feste Summe X für präventive, ganz normale und vernünftige Kinder - und Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Unser Stadtrat wird  es trotz Haushaltskonsolidierung auch in dem Bereich nicht zum Äußersten kommen lassen. Die Stadt darf Mittel in Höhe von 5 Prozent des Gesamthaushaltes für freiwillige Aufgaben einsetzen, alle anderen Forderungen und Auflagen sind rechtswidrig. Ordentliche Freizeitangebote für Kinder – und Jugendliche gehören für mich in den Pflichtbereich jeder Gemeinde, auch wenn das Geld noch so knapp ist.

Schieflagen erkennen ist eine wichtige Voraussetzung, sie auch erfolgreich beheben zu können.

Wir sind gut beraten mit offenen Augen, klarem Verstand und einem gesunden Gespür durch die Gegend zu laufen. Wo Misstrauen zur Vorsicht zwingt ist Wachsamkeit geboten. Seifhennersdorf hat nicht die Absicht das   LandLiebe – Liebes Land Niveau zu erreichen, wird aber alle  Chancen zur Entwicklung, Entfaltung der Heimatliebe und Landverbundenheit nutzen.             

 

Herzlichst Ihre Karin Berndt